Chinaaustausch: Partnerschaft der Deutschen Schachjugend mit dem JiHong ChessClub Bengbu
Einblick in den Chinaaustausch. Erfahrungsbericht von Louis Nopper, ein Schachtrainer auf Reisen...
Du kennst Louis noch nicht? Dann gehts hier zum Interview, wo wir Louis vor seinem Aufenthalt interviewt haben...
Erfahrungsbericht aus China - Louis Nopper
Vor der Reise musste ich mich um Visum und Flüge kümmern, was jedoch unkompliziert war und sich preislich im Rahmen hielt. Am 1. September kam ich schließlich in China an und wurde dort direkt von zwei Mitgliedern des Schachvereins empfangen. Gemeinsam traten wir die rund dreistündige Zugreise nach Bengbu an. Einer der beiden sprach gut Englisch, da er zuvor im Ausland studiert hatte. Wie sich schnell herausstellte, wurde er während meines gesamten Aufenthalts mein erster Ansprechpartner. Die übrigen Vereinsmitglieder konnten kaum Englisch, sodass Gespräche oft nicht möglich waren. Mit dem Leiter des Schachklubs kommunizierte ich daher meist über Übersetzungs-Apps – das funktionierte überraschend gut, auch ohne den englischsprachigen Kollegen.
In Bengbu wurde mir eine Zwei-Zimmer-Wohnung zur Verfügung gestellt, die in unmittelbarer Nähe des Haupttrainingsgeländes lag. Ich konnte also bequem zu Fuß dorthin gelangen. Die Wohnung verfügte auch über eine Küche, die ich jedoch kaum nutzte, da ich an etwa zwei von drei Tagen mit meinen chinesischen Kollegen essen ging.
In den ersten Tagen hatte ich noch mit Jetlag und dem Klima zu kämpfen. Auch im September herrschen dort oft Temperaturen um die 25 °C bei hoher Luftfeuchtigkeit, und die Zeitverschiebung beträgt im Sommer sechs, im Winter sogar sieben Stunden. Nach etwa einer halben Woche war ich jedoch gut eingewöhnt.
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Ablauf der Woche
Meine Wochen strukturierte sich in der Regel wie folgt:
Montags war üblicherweise der Ruhetag der Chinesen, dennoch gab es gelegentlich Nachmittags Termine. Häufig ging ich dazu zum Leiter des Schachklubs, Mr. Yu, zu seinem Büro. Dort fand Einzeltraining für bestimmte Kinder statt, das hauptsächlich Mr. Yu selbst durchführte. Ich half gelegentlich, beantwortete Fragen zu Stellungen oder spielte Trainingspartien mit den Kindern. Anschließend gingen wir fast immer gemeinsam essen.
Von Dienstag bis Freitag hielt ich meist vormittags zwei bis drei Unterrichtsstunden an Schulen oder Kindergärten. Der englisch sprechende Mitarbeiter holte mich dafür ab, und wir fuhren gemeinsam dorthin. In den Kindergärten unterrichtete ich die ältesten Gruppen, in den Schulen meist erste oder zweite Klassen. Ziel des Unterrichts war es, die Schachregeln zu vermitteln. Der Schachklub folgt dabei einem klar strukturierten System, bei dem jede Woche neue Figuren thematisiert werden. Manchmal wiederholte ich mit den Kindern die Regeln oder stellte kleine Aufgaben, zum Beispiel wie bestimmte Figuren in einer vorgegebenen Anzahl von Zügen Bauern schlagen können. Der Unterricht fand je nach Schule entweder am Demobrett oder an einer digitalen Tafel statt.
Da die Themen im Unterricht sich häufig wiederholten, hatte ich nach etwa zwei Wochen ein ausreichendes Repertoire an Vokabular, sodass nur noch selten gedolmetscht werden musste. Meist brauchte ich Unterstützung lediglich dann, wenn Kinder Fragen stellten, die Vokabeln enthielten, die ich noch nicht kannte. Bereits vor der Reise hatte ich ein wenig Chinesisch gelernt und versuchte auch vor Ort in meiner freien Zeit noch ein wenig dazu zu lernen. Es wurde jedoch nie von mir erwartet, die Sprache zu lernen – vielmehr freuten sich alle über mein Engagement. Man versicherte mir auch, dass man für mich andere Aufgaben gefunden hätte, falls der Unterricht nicht gut funktioniert hätte.
Freitag- und Samstagabend sowie Sonntagvormittag fanden Spielabende für die Kinder statt. Gemeinsam mit ein oder zwei anderen Trainern betreute ich dabei eine Gruppe von rund zwanzig Kindern. Die Kinder spielten meist eine Langzeitpartie mit Notation, und anschließend analysierten wir zusammen die Partien.
An den Nachmittagen unter der Woche war ich oft erneut im Büro von Mr. Yu. Gelegentlich unterstützte ich auch den englischsprachigen Trainer bei seinen Stunden.
Außerhalb des Schachklubs hielt ich Kontakt nach Deutschland, lernte Chinesisch oder ging spazieren – Langeweile kam selten auf. Aufgrund der Sprachbarriere war jeder Einkauf ein kleines Abenteuer, aber zugleich eine spannende, neue Erfahrung. Um wirklich unabhängig mobil zu sein, bräuchte man in China einen E-Roller. Durch den chaotischen Straßenverkehr habe ich mir das allerdings selbst nie zugetraut
Kulturelle Eindrücke
Die Restaurantbesuche waren ebenfalls interessante Erlebnisse. Manchmal wurde ich Freunden von Mr. Yu vorgestellt, und es wurde reichlich aufgetischt. Auf einem großen Drehteller wurden zahlreiche Gerichte serviert, von denen man sich das nehmen konnte, was man möchte. Beliebte chinesische Gerichte wie Hühnerfüße oder Entenköpfe habe ich ausgelassen, was völlig in Ordnung war – die Chinesen waren da in keinster Weise aufdringlich.
Kulturell besonders war, dass ich während der gesamten zwei Monate in Bengbu keinen anderen Ausländer gesehen habe. Entsprechend oft wurde ich auf der Straße angeschaut. Anfangs empfand ich das als unangenehm, später gewöhnte ich mich daran. In Schulen und Kindergärten merkte man den Kindern deutlich an, dass sie vermutlich noch nie einer nicht-chinesischen Person begegnet waren. Oft bildete sich eine kleine Traube um mich, und viele Kinder fragten ungläubig, aus welchem Land ich komme. Das war sehr süß und für mich auf jeden Fall eine ganz neue Erfahrung. Manche Kinder schenkten mir sogar kleine Bilder, und nach eigentlich jedem Unterricht wurde ein Klassenfoto gemacht.
Reisen innerhalb Chinas
Abseits des Alltags unternahm Mr. Yu auch einige Reisen mit mir. So verbrachten wir einen Tag in Nanjing, einen weiteren in Xuzhou und sogar drei Tage in Peking. Wir besichtigten viele historisch bedeutende Orte, und es schien, als hätte Mr. Yu an diesen Ausflügen ebenso viel Freude wie ich. Nach dem, was ich später hörte, sind solche Reisen selbst für viele Chinesen nicht alltäglich.
Struktur des Schachclubs
Die Struktur des Schachklubs unterscheidet sich deutlich von der deutscher Vereine. Während Schachvereine in Deutschland meist gemeinnützig organisiert sind, funktioniert der Klub in Bengbu eher wie ein kleines Unternehmen. Es gibt rund 15 festangestellte Trainer, und die Eltern zahlen für jede Unterrichtsstunde und jeden Spieleabend. Das erklärt auch, warum der Klub die finanziellen Mittel hat, mir eine Wohnung bereitzustellen und die Reisen zu ermöglichen.
Fazit
Abschließend würde ich jedem, der gewillt ist, ein neues Land und große Gastfreundschaft zu erleben, diese Reise empfehlen. Ich bin sehr dankbar für die vielen schönen Erfahrungen, die ich machen durfte und auch mal China abseits von dem erleben konnte, was in den Medien oft porträtiert wird.
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