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Interview mit Ilja Zaragatski

Im Zuge unserer Fairplay-Mottowoche habe wir mit unterschiedlichen Personen aus der Schachwelt Interviews geführt. Inhaltlich ging es vor allem um ihr Verständnis und ihre bisherigen Erfahrungen mit Fairplay.

Den Anfang der Interviewreihe macht Großmeister Ilja Zaragatski.

 

Hallo Ilja, schön dass du dich bereit erklärt hast, einige Fragen zum Thema Fairplay zu beantworten. Bevor wir starten, stellst du dich einmal unseren Leserinnen und Lesern vor?

Moin moin, mein Name ist Ilja Zaragatski und ich bin ein 33-jähriger Großmeister aus Hamburg. Geboren wurde ich im heutigen St. Petersburg, um dann im zarten Alter von 7 Jahren mit meiner Familie ins nordrhein-westfälische Mönchengladbach auszusiedeln. In der Folge nahm ich zwischen 1995 und 2003 mit großer Freude und auch ein wenig Erfolg (fast) durchgängig an den Deutschen Jugendmeisterschaften teil. Eines meiner Highlights war als 16-jähriger der Gewinn des U18-Titels anno 2002. Die DJEMs waren eine sehr prägende Zeit in meiner schachlichen Entwicklung, auf die ich jederzeit freudvoll zurückblicke.
Bis heute bin ich dem Schach auch beruflich verbunden geblieben. Nach meinem etwa dreijährigen Engagement bei chess24 bin ich derzeit als Schachtrainer und Unternehmer aktiv, wobei auch hier zwei meiner Projekte einen unmittelbaren Schachbezug haben. Mit dem im deutschsprachigen Raum wohlbekannten Ehepaar WGM Melanie und IM Nikolas Lubbe betreibe ich die Online-Schachakademie chessemy.com, wo wir allerlei Lehrvideos zu den Themen Eröffnung, Mittelspiel und (bald auch) Endspiel zum Download anbieten. Im letzten Jahr habe ich mit dem Schachlegenden-Quartett ein Kartenspiel für Schachspieler produziert, das sich einer großen Beliebtheit in der Schachwelt erfreut und es bei Amazon zu kaufen gibt.

 

Jeder Mensch hat ein anderes Empfinden von sportlichem und fairem Verhalten. Wie genau definierst du für dich Fairplay?

Ein respektvoller Umgang mit dem Gegner ohne Zuhilfenahme von unerlaubten Tricks (abseits des Schachbretts – Fallen stellen auf den 64 Feldern ist okay, auch wenn ich das Spielen auf Tricks nicht unbedingt als nachhaltige Strategie empfehlen würde :) ).

 

Zeitspiel oder das Fordern einer Verwarnung kennen wir aus der Fußball-Bundesliga und hat mit Fairplay wenig zu tun. Du hast schon häufig in der Schach-Bundesliga am Brett gesessen. Gibt im Leistungssportbereich beim Schach ähnliche Tendenzen wie beim Fußball oder ist die Schach-Weltspitze in dieser Hinsicht „fairer“?

Zeitspiel ist mir auch beim Schach ein Begriff, das Fordern einer Verwarnung hingegen wäre mir neu :) Ich habe Schach immer als einen sehr zivilisierten Sport ohne große Aufreger wahrgenommen. In der Leistungsspitze ist unfaires Verhalten sicherlich seltener als bei weniger prominenten Spielern, auch weil Meisterspieler mehr zu verlieren haben. Dann und wann ist mal ein schwarzes Schaf dabei, aber es hält sich glücklicherweise in Grenzen. Ein gewisses Problem ist Engine-Cheating, besonders im Internet. Dort sind die meisten Playzones von Spielern, die unerlaubte Computerhilfe in Anspruch nehmen, leider übersät, was vielerseits zu Ärgernissen führt. Die entsprechenden Betreiber unternehmen große Mühen, solche unfairen Spieler auszusieben, aber es ist mit großem Aufwand für sie und einer fühlbaren Frustration für faire Spieler verbunden.

 

Du hast in deinem Leben schon an vielen Schachturnieren teilgenommen. Erinnerst du dich noch an Situationen, die in deinen Augen wenig mit Fairplay zu tun hatten? 

Ich erinnere mich, wie ich einmal als junger Kerl in einer niedrigen regionalen Liga gegen einen Spieler älteren Semesters spielte und irgendwann bemerkte, dass dieser regelmäßig mit einer Hand einen Sichtschutz um seine Stirn formte und am Tisch herabblickte, wo er in der anderen Hand ein kleines  technisches Gerät hielt. Nachdem mein Mannschaftsführer ihn darauf ansprach, wurde sein Spiel auffallend ungenau... Das war meine einzige eigene OTB-Erfahrung mit einen Cheater.
Als sich der Fall Jens Kotainy 2013 zunächst bei Open in Deizisau und dann bei der Bundesliga-Endrunde in Schwetzingen ereignete, war ich jeweils anwesend; im letzteren Fall sogar als Mannschaftskamerad. Bis es im Nachhinein klar war, dass er betrogen hatte, war es Jens leider viel zu lange gelungen, unertappt zu bleiben. Was ich auch heute noch häufig erlebe ist Online-Cheating. Wenn ich zum Beispiel mal zum Spaß ein Simultan auf lichess veranstalte, nimmt bestimmt einer von 10 oder 20 Gegnern den Computer zuhilfe, was spätestens dann offensichtlich wird, wenn man die Züge mit den Computervorschlägen abgleicht.
Abseits des E-Dopings sind mir keine großartigen Vergehen gegen den Fairness-Gedanken im Schach in Erinnerung geblieben. Eine Ausnahme gibt es, und das ist unsportliches Verhalten nach einer verlorenen Partie, wie man es immer wieder in Open-Turnieren beobachten kann. In Ausnahmefällen passiert es schon mal, dass jemand frustriert die Figuren umwirft, seinem Gegner den Handschlag verweigert oder einfach aufsteht und den Turniersaal verlässt. In solchen Fällen wünscht man sich dann schon ein gentleman-likeres Verhalten :)

 

Wie schätzt du die Gefahr von E-Doping, also den Einsatz von elektronischen Geräten im Schach ein? Reichen die aktuellen Regelungen deiner Meinung nach aus?

Vor kurzem gab es bei einem Osterturnier in Dublin den letzten, mir bekannten Fall von Engine-Cheating. Ein junger Spieler bekam dort Tipps von seinen mit Computerhilfe ausgestatteten Freunden und pflügte so ein paar Runden lang unerkannt durch's Feld. Natürlich wurde sein unfaires Verhalten irgendwann aufgedeckt und alle seine Partien nachträglich genullt. Die Gefahr von E-Doping ist also immer da, und das Ärgerliche dabei ist, dass ein gewisser Schaden stets schon entstanden sein wird, wenn der Übeltäter endlich für schuldig befunden wurde (und das wird er vermutlich fast immer). Man kennt zwar die Dunkelziffer der erfolgreichen Cheater nicht, aber ich vermute, dass das Problem im Live-Schach überschaubar ist. Aus meiner subjektiven Perspektive reichen die aktuellen Maßnahmen vollständig aus, um die Problematik unter Kontrolle zu halten. Am Ende des Tages werden Engine-Cheater glücklicherweise stets a posteriori überführt werden können, wenn man ihre Züge (und auch Bedenkzeiten sowie ihr früheres Spielniveau) mit Computerzügen vergleicht. Man ist also gar nicht auf das Ertappen auf frischer Tat angewiesen, und das macht mich absolut zuversichtlich.

 

Welche Maßnahmen sollten Schachverbände zusätzlich ergreifen, damit faires Verhalten am und ums Brett als grundlegend wahrgenommen wird? 

So wie ich das sehe, liegt der Motivation für Betrug im Schach (wie in allen anderen Lebensbereichen) eine implizite Kosten-Nutzen-Rechnung zugrunde. Nimmt ein (Schach-)Betrüger in seiner (meist unbewussten) Analyse der Situation die Differenz aus erwarteten Nutzen und möglichen Kosten als positiven Wert wahr und bringt er eine gewisse Risikoaffinität mit, wird er möglicherweise sein „Glück“ versuchen.
Demzufolge gibt es zwei Stellschrauben, an denen man drehen kann, um die potentiellen Kosten des Übeltäters zu vergrößern: erstens die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung eines unfairen Verhaltens und zweitens die Höhe der Strafe. Am Nutzen eines erfolgreichen Cheatens zu drehen macht wohl keinen Sinn – selbst in Abwesenheit jeglicher Preisgelder etwa wird online zum Schachprogramm gegriffen, um seinen (Pseudo-)Status durch eine höhere Wertungszahl zu maximieren.
Ich könnte mir folglich vorstellen, dass irgendwann routinemäßig sämtliche Partien eines Turniers durch eine Software gejagt werden, welche die Übereinstimmung mit Computerzügen prüft und auffällige Resultate flaggt, noch bevor ein menschlicher Verdachtsmoment entstanden ist. Entsprechend kann eine formelle Verschärfung der Strafen oder noch größere soziale Ächtung von Cheating eine ähnliche abschreckende Wirkung entfalten.

 

Kommen wir langsam zum Ende. Du bist in der Schachwelt ein bekanntes Gesicht. Beeinflusst dich dieses Wissen in deinem Handeln am und neben dem Brett?

Ich denke nicht. Laut Big-5-Persönlichkeitstest lande ich in der Dimension „Gewissenhaftigkeit“ ungefähr auf dem 80. Perzentil, habe also im Vergleich zum Populations-Durchschnitt schon von Natur aus ein verhältnismäßig lautes Gewissen :D Dass ich durch meine mäßige Bekanntheit zusätzliches an sozialem Standing einbüßen würde, macht daher vermutlich keinen Unterschied, weil die Motivation zu betrügerischem Verhalten auch sonst nicht gegeben wäre.
Man kann mit ungeahntem E-Doping also zwar externe Lorbeeren einstreichen, aber unsere „innere Stimme“ weiß genau, wenn wir uns Erfolg unrechtmäßig erschlichen haben und wird dies gnadenlos mit Missbilligung und einem schlechten Gewissen bestrafen. Man hat also meistens ein einfacheres Leben, wenn man ehrlich ist und „das Richtige“ tut :)

 

Deine abschließenden Worte, wenn du an Fairplay im Schach denkst? 

Kürzlich spielte ich gegen den französischen Großmeister GM Sébastien Feller, der in seiner Jugend zunächst (zurecht) als Mega-Talent gefeiert, dann aber gemeinsam mit ein paar Landsleuten bei der Schacholympiade 2010 des Cheatings überführt und entsprechend bestraft wurde. Neun Jahre später ist seine Karriere, und vermutlich auch sein Leben insgesamt, reichlich erschüttert. Er verlor um die 100 Elopunkte und scheint auch abseits des Bretts komplett aus der Bahn geworfen.
Auch andere ehemalige Betrüger haben auch nach ihren Sperren noch immer einen schweren Stand. In meiner langen Schachkarriere kann ich mich nicht an einen einzigen Fall erinnern, in dem sich unfaires Verhalten ausgezahlt hätte. Die alte Volksweisheit „Ehrlich währt am längsten!“ hat also niemals mehr gestimmt!

 

Ich danke dir für dieses interessante Interview und wünsche dir alles Gute!

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