Als ich den Deckel der letzten Spielekiste zuklappte, schloss sich damit auch gleichzeitig ein weiteres Kapitel der allgemeinen Jugendarbeit im Jahr 2002 - das Sommerlager der Deutschen Schachjugend. Die rund dreißig Mädchen und Jungen waren zum größten Teil bereits auf dem Weg nach Hause und der Rest saß in der Eingangshalle auf ihren Koffern, in Erwartung ihrer Eltern. Das Team der Deutschen Schachjugend verstaute die letzten Utensilien im eigenen Auto und dann kam es uns so vor, zum ersten Mal richtig durchatmen zu können. Eine Woche Sommerlager ist der Wahnsinn, für die Teamer immer anstrengender als für die Kids, aber für beide gleich spannend. Vor einer Woche standen wir an gleicher Stelle und warteten auf die Kinder, um ihnen mit samt Gepäck die entsprechenden Zimmer zu zeigen. Ein bunter Haufen bezog da den Flur im Untergeschoss der Jugendherberge, Kinder aus allen Teilen Deutschlands. Viele Gesichter kannten wir noch aus dem letzten Jahr, denn mittlerweile hat sich ein regelrechter "Sommerlagerstamm" herausgebildet, aber wir schüttelten auch eine Menge unbekannter Hände, über die wir uns besonders freuten. Es ist schön festzustellen, dass sich das Sommerlager einer stetig wachsenden Beliebtheit erfreut, ein Grund dafür ist sicherlich das umfangreiche Programm, das den Teilnehmern jedes Jahr geboten wird.
Auch in diesem Jahr hat die Deutsche Schachjugend eine reizvolle Mischung aus Schach und Freizeitprogramm zusammengestellt, die dazu führte, dass die sieben Tage Sommerlager wie im Fluge vergingen. Der Abend des Anreisetages bot die beste Gelegenheit zum gegenseitigen Kennlernen. Vier Mannschaften kämpften beim 100-Fragenspiel um den Sieg, der nur durch das richtige Beantworten der im Treppenhaus der Jugendherberge ausgehängten Fragen erreicht werden konnte. Dabei mussten die einzelnen Teams nicht nur mit breit gefächertem Allgemeinwissen aufwarten, sondern auch Spontaneität beweisen. Wie viel Borsten hat wohl eine Zahnbürste, wer zieht am schnellsten seinen Schlafanzug an und singt ein Lied oder wer denkt sich in der kürzesten Zeit das witzigste Theaterstück aus? Unsere Hoffnung, die Jungs und Mädels durch die Rennerei treppauf, treppab einigermaßen zu erschöpfen, erfüllte sich natürlich nicht und so bestand unsere Aufgabe nach der Bettruhe erst einmal darin, die Gemüter zur Ruhe zu bringen, dennoch wurden unsere "Eingriffe" durch Nachsicht bestimmt, denn immerhin handelte es sich um den ersten Abend, klar, dass neue Bekanntschaften Vorrang hatten.
Das Sommerlager fand dieses Jahr in Aschaffenburg statt, gelegen auf dem nördlichsten Zipfel Bayerns, in Steinwurfweite zu Hessen. Aschaffenburg war lange Jahre Residenz der Mainzer Kurfürsten und außerdem Residenzstadt König Ludwigs I. Unter ihrer Herrschaft entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum des bayerischen Untermains und dieser Bedeutung von damals verdankt sie wunderschöne Bauwerke. Das Schloss Johannisburg zählt zusammen mit dem Pompejanum, einer nachgebauten römischen Villa, zu den wohl auffälligsten Gebäuden. Diese Sehenswürdigkeiten und die Stadt selbst erkundeten die Kinder am Sonntagmorgen auf eigene Faust, im Rahmen einer Stadtrallye. Den ganzen Vormittag zogen sie in kleinen Mannschaften durch die Stadt, auf der Suche nach einer Tageszeitung von letzter Woche oder in der Hoffnung endlich herauszufinden, wie der amtierende Bürgermeister Aschaffenburgs heißt. Das Pompejanum sollte im Laufe der Woche noch genauer unter die Lupe genommen werden, dafür hatten wir extra eine Führung bestellt. In zwei Gruppen wurde uns erklärt, wie Aschaffenburg zu diesem Nachbau einer römischen Stadtvilla gekommen war. Ludwig I, ein glühender Verehrer der römischen Antike, hatte dieses Gebäude über dem Main errichten lassen, um seinem Volk so detailgetreu wie möglich zu zeigen, wie man im alten Rom gelebt hatte. So bot sich uns nun die Gelegenheit, dieses Leben anhand der fiktiven Person Lucius Fidibus selbst nachzuvollziehen. Wie schlief man als Römer, wie bereitete man das Essen zu und wie benutzte man eine Toilette? Knapp eine Stunde dauerte diese Zeitreise und als wir wieder in der Gegenwart aufschlugen, waren wir doch erleichtert, mit dem Bus weiterfahren zu können und nicht auf wackelige Eselskarren angewiesen sein zu müssen.
Aschaffenburg hat seinen Reichtum der unmittelbaren Nähe zum Main zu verdanken, der bereits vor tausend Jahren als wichtigste Verkehrsstraße des Landes galt. Grund genug, ihn einmal selbst zu befahren und deswegen mieteten wir uns einen kleinen Ausflugsdampfer, um Stadt, Schloss und Pompejanum einmal von der Wasserseite aus betrachten zu können. Und weil man dem nassen Element bereits so nah gekommen war, durfte der direkte Kontakt auch nicht fehlen. Deswegen kam der Besuch des Schwimmbads gerade recht. Besonders schön war der Tagesausflug in die eine Busstunde entfernte Tropfsteinhöhle, den allerdings nur die so richtig genießen konnten, die unseren Rat befolgt und einen Pullover mitgenommen hatten, denn auch wenn es draußen angenehm warm war, in der Höhle umfing einen eisige Kälte. Im Anschluss stand eigentlich noch eine Wanderung durch den nicht weit entfernten Wildpark an, die Freude an diesem Vorhaben wurde allerdings durch einen plötzlichen Regenschauer gemindert, und sowohl wir als auch die Tiere zogen es vor, sich unter schützendes Blätterwerk zu stellen. In einer Hinsicht war der Park dennoch hochinteressant, denn erneut stießen wir hier auf Spuren der Römer. Zwei alte Kastelle und einige Mauerreste zeugten von der Existenz des Limes, jenem Schutzwall, den die Römer aus Furcht vor den Germanen genau an dieser Stelle gezogen hatten.
Das Sommerlager bestand nun allerdings nicht nur aus Erkundungen der Stadt und Ausflügen in das Umland, denn schließlich war es ein Sommerlager der Deutschen Schachjugend und da durfte unser Sport natürlich nicht fehlen! Die ganze Reise über zog sich das interne Turnier, in dem die Kinder ihren Meister ausspielten. Ein sehr gemischtes Feld machte diesen Wettkampf besonders spannend, denn während an der Spitze die Teilnehmer der Deutschen Meisterschaften und Kaderspiele den Pokal unter sich ausmachten, ging es bei den Neulingen weiter unten darum, erste kleine Turniererfahrungen zu machen. Eine weitere Gelegenheit bot sich dafür auch im Rahmen des Vergleichkampfes, den wir gegen einen der vier Aschaffenburger Schachklubs austrugen. Unsere "Deutschlandauswahl" gewann recht deutlich, aber es hat unheimlich viel Spaß gemacht, gegen die gastfreundlichen Aschaffenburger anzutreten, die uns im Falle einer Wiederkehr auch sofort das Rückspiel anboten.
Das Sommerlager 2002 war wieder ein wunderbares Erlebnis, das merke ich, als die letzte Spielekiste sicher verstaut ist und auch meine Abreise unmittelbar bevorsteht. Sieben Tage lang haben wir vier DSJ'ler versucht, den Kindern auf dem Sommerlager eine schöne Zeit zu bereiten, gedankt haben sie es uns mit allerlei Kleinigkeiten. Indem sie zum Beispiel auf Hausschuhen zum Schwimmbad gelaufen sind, weil sie vergessen haben, die richtigen Schuhe anzuziehen. Und genau aus diesem Grund sind wir im nächsten Jahr wieder dabei, wenn es heißt: Herzlich willkommen zum Sommerlager 2003!
(Jan Pohl, Referent für Allgemeine Jugendarbeit DSJ)