Deutsche Meisterschaften 2012
der Deutschen Schachjugend

WM-Vierter René Adiyaman (NRW, U16) im Interview

Ein Spieler mit DWZ 1784, der sich über die Landesmeisterschaften nicht qualifiziert hat und dennoch einen Freiplatz für die DEM U16 erhält? Im Fall von René Adiyaman völlig legitim, denn der 16-jährige aus dem sauerländischen Arnsberg ist sehbehindert und der erste Spieler, der von unserer neuen Freiplatzregelung begünstigt ist. Demnach erhält der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenschachbund (DBSB) für jede Altersklasse der Deutschen Jugendmeisterschaften einen Sonderfreiplatz, der das bestehende Freiplatzkontingent nicht beeinträchtigt. Nominiert werden dürfen Spieler, deren Spielstärke dem Niveau der jeweiligen Altersklasse entspricht. Wir sprachen mit René über seinen Werdegang und Blindenschach im Allgemeinen:

René, bist du bereits von Geburt an blind?
Ich bin in Alter von neun Monaten erblindet und gelte mittlterweile mit einem Restsehvermögen von zwei Prozent offiziell als blind, kann aber noch Schemen und Umrisse erkennen.

Wie beeinträchtigt dich das im Schach?
Blitz- und Schnellschach kann ich ohne Hilfestellung spielen. Muss ich jedoch länger als eine Stunde aufs Brett schauen, wird das zu anstrengend; selbst die Unterschiede zwischen Springer und Läufer verschwimmen manchmal. Um mich mehr auf die Partie als auf die Figuren konzentrieren zu können, benötige ich mein Hilfsbrett.

Also muss es auch unheimlich mühsam für dich gewesen sein, Schach zu lernen.
Das war nicht besonders schwer, als mein Vater mir im Alter von fünf Jahren Schach im Urlaub beigebracht hat. Problematischer war es, einen geeigneten Verein für mich zu finden, bis ich mit acht, neun Jahren endlich dem SV Welper 1922 beigetreten bin, wo ich umkompliziert aufgenommen wurde.

Gab es schon mal Probleme in Bezug auf Schach und deine Behinderung?
Zweimal traf ich auf überforderte Gegner, einmal bei einem Open, als der Gegner Remis in klar schlechterer Stellung beantragte, weil ich alle Figuren auf meinem Hilfsbrett angefasst habe, und einmal bei einem Mannschaftskampf, als mein Vater, der von der FIDE dafür legitimiert wurde, mir bei der Aufnahme der Züge half und mein Gegner sich einfach weigerte, weiterzuspielen. In beiden Fällen habe ich allerdings, wie auch sonst im Schach, sehr gute Erfahrungen mit Turnierleitern und Schiedsrichterngemacht; hatte ich Schwierigkeiten, wurde mir bislang immer geholfen. Auch die meisten meiner Gegner verhielten sich spätestens dann fair, wenn sie begreifen, dass mein Verhalten am Brett nicht zu ihrem Nachteil führt.

Erzähl doch mal, wie du deine Züge aufzeichnest - und überhaupt, wie du trainierst!
Ich schreibe natürlich nicht mit, sondern nutze meinen „Milestone“, ein Diktiergerät, in welches ich meine Züge hineinspreche. Auch Training funktioniert bei mir ein wenig anders: In das übliche Vereinstraining per Demobrett und Flipchart kann ich nicht einsteigen, weswegen ich mir ein Zusatzbrett aufstelle.

Bei der Blinden-Juniorenweltmeisterschaft im letzten Jahr bist du sensationell Vierter geworden. Wie war es denn damals auf Rhodos?
Es herrschte eine gute Atmosphäre und ich habe über Erwartung gespielt, aber gerade auf der WM ist mir aufgefallen, dass Schachregeln, die in Partien zwischen Sehenden sinnvoll sind, auf Blindenmeisterschaften zu Problemen führen können. Ein russischer Gegner fragte mich etwa, ob er auf meinem Hilfsbrett „mitspielen“ dürfte - wir wussten lange nicht, ob das legitim ist, doch die Turnierleitung hat das auch hier sehr souverän lösen können.


Hast du auf der WM den Kontakt zu anderen blinden Spielern knüpfen und aufrecht erhalten können?
Natürlich habe ich neue Freunde gefunden, aber den Kontakt zu pflegen stellt sich als sehr schwierig dar, nicht nur, weil wir alle schulisch stark eingespannt sind, sondern auch, weil viele Blinde soziale Plattformen wie Facebook nicht nutzen können. Immerhin treffe ich den anderen deutschen WM-Teilnehmer, Mirko, immer noch regelmäßig auf Veranstaltungen des DBSB. Meinen ausländischen Freunden werde  ich wohl erst auf der nächsten Blinden-WM 2013 begegnen können

Sind im DBSB viele Kinder und Jugendliche organisiert?
Leider nicht. Vielen Blinden, die noch weniger sehen als ich, ist der Lernprozess zu lang und im Gegensatz zu Sportarten wie Fußball nicht intuitiv. Außerdem beschäftigen sich viele blinde und sehbehinderte Jugendliche so sehr mit ihren gesundheitlichen Problemen - etwa eine Verschlechterung ihrer Sehkraft - und haben damit gar keine Zeit für ein Hobby.

Wie gefällt dir die DEM und was strebst du hier an?
Es ist sehr schön hier, auch wenn ich nicht optimal spiele, und ich will mindestens die 50%-Marke erreichen!


Deutsche Schachjugend, 14.05.2015 | Impressum | Sitemap | Kontakt zum Webmaster
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