Deutsche Meisterschaften 2009
der Deutschen Schachjugend

Die Doping-Versuchung

Workshop zu Doping und Gehirn-Doping im Schachsport

„Gehirn-Doping im Schach ist sinnlos, aber nicht auszuschließen.“ Dieses Fazit zog Dr. Michael Höpfner im Anti-Doping-Workshop. Der Leitende Oberarzt am Rotes Kreuz-Krankenhaus Kassel hatte zuvor in einem Referat die medizinischen Wirkungen von Gehirn-Doping dargestellt.

Dr. Michael Höpfner

Er widersprach zunächst all jenen, die die Möglichkeiten des Dopings im Schach kategorisch ausschließen, weil Schach „nur“ Denksport sei. Denn auch ohne große Muskelleistungen kommt es während Schachpartien und -turnieren zu massiven körperlichen Reaktionen. „Wer schon einmal eine Turnierpartie Schach gespielt hat, der hat diese Reaktionen sicher schon bei sich erlebt“, führte der Arzt aus. Schnellerer Herzschlag, höherer Blutdruck, Schwitzen oder Verdauungsstörungen sind übliche Reaktionen. Während eines anstrengenden Turniers können Gewichtsverluste oder Schlafstörungen auftreten.

Auf die Balance kommt es an

„Die Leistungsfähigkeit ist vom körperlichen und vom mentalen Zustand abhängig. Das gilt für körperbetonte Sportarten genauso wie für Denksportarten“, unterstrich Höpfner die Bedeutung einer
Balance von Körper und Geist. Genauso, wie in den „normalen“ Sportarten immer mehr Spitzensportler mentales und psychologisches Training einsetzen, um bessere Leistungen zu erzielen, so ist eine gewisse Balance umgekehrt auch beim Schach unerlässlich.

Praktisch unerforscht sind derzeit noch die Auswirkungen von Gehirn-Doping. So gibt es eine Vielzahl von Medikamenten und anderen Wirkstoffen, bei denen eine Auswirkung auf die geistige Leistungsfähigkeit denkbar wäre. Koffein und das in Energy-Drinks enthaltene Taurin sind nicht als Dopingmittel klassifi ziert. Das für Sportler verbotene Ritalin, das eigentlich zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern eingesetzt wird, wird in Deutschland durchaus auch zur Behandlung von Stress oder Konzentrationsmangel bei Erwachsenen verschrieben. Auch andere Medikamente, die bei Schlafattacken helfen sollen, könnten leistungssteigernde Wirkungen haben. Und das bekannte Dopingmittel EPO, das den Sauerstofftransport verbessert, könnte auch die Sauerstoffzufuhr des Gehirns verbessern.

Die Versuchung ist groß

Der Medikamentenmissbrauch ist in den vergangenen zehn Jahren rapide angestiegen, etwa doppelt so stark wie der Konsum von Marihuana. Insbesondere im Berufsleben, im Studium oder sogar der Schule führt der Wunsch nach höherer Leistungsfähigkeit und Stressresistenz immer häufi ger zum Griff nach vermeintlichen Hilfsmitteln. „Daher ist es nicht abwegig, dass auch im Schachsport die Versuchung für einige groß ist, sich dieser Wundermittel zu bedienen“, sagt dazu Dr. Höpfner.

Allerdings: Es gibt praktisch keine gesicherten Erkenntnisse darüber, ob und wie genau diese Mittel bei gesunden Menschen auf die mentale Leistungsfähigkeit wirken. Es gibt bisher keinen Beweis, dass sich durch Medikamente tatsächlich die Denk und Konzentrationsfähigkeit steigern lässt. Klar ist nur: Sie können zu massiven Nebenwirkungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.

Das Fazit, das Dr. Höpfner zog, verband er mit dem Appell an Trainer, Eltern, Betreuer und die Verbände, sich ihrer Verantwortung in der Dopingprävention bewusst zu sein und diese wahrzunehmen. „Die Prophylaxe ist sozusagen Gold wert. Wer in kritischen Situationen zu solchen Mitteln greift, der tut dies auch eher in anderen. Es geht nicht darum, mit der Dopingthematik übers Ziel hinauszuschießen. Aber sie bietet die Chance, eine Sensibilität bei den Jugendlichen auch für die Themen Drogen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch zu stärken.“

Passivrauchen als Doping-Falle

In der anschließenden Diskussion der Besucher mit Dr. Höpfner und den DSJ-Vertretern wurden unter anderem auch die größten „Doping-Fallen“ angesprochen. Dazu gehört zum Beispiel das Passiv-Rauchen von Cannabis, das bis zu drei Monate danach eine positive Dopingprobe ergeben kann.
Und weil Mohn ebenfalls zu einem positiven Testergebnis führen kann, gerieten auch die morgendlichen Mohnbrötchen beim Frühstück ins Visier der besorgten Teilnehmer. Allerdings zu Unrecht, weil Mohn erst in einer deutlich größeren Konzentration nachgewiesen wird.

An diesen Beispielen wurde jedoch deutlich, dass die Dopingregeln ein Umdenken bei den Schachspielern erfordern. „Wenn man ein so wichtiges Turnier vor sich hat, muss man auf bestimmte Sachen achten“, erläuterte Dr. Höpfner. Dazu gehört beispielsweise auch die rechtzeitige Beantragung
einer Ausnahmegenehmigung, wenn man aus gesundheitlichen ein bestimmtes Medikament benötigt, das auf der Dopingliste steht. Die Teilnehmer des Workshops lobten den sehr fundierten Vortrag zum Thema Doping und Gehirndoping ausdrücklich. Christian Warneke und Jörg Schulz dankten Dr. Höpfner ebenfalls für seinen Beitrag und betonten noch einmal, dass die Schachjugend die Aufgabe der Aufklärung und Doping-Prävention weiter aktiv vorantreiben werde.

Deutsche Schachjugend, 14.05.2015 | Impressum | Sitemap | Kontakt zum Webmaster
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