Bericht von Bernd Rosen

Schachtraining mit Mädchen

„Bernd - könntest Du als erfahrener Trainer nicht einige Ratschläge zum Thema ‚Schachtraining mit Mädchen’ für unsere geplante Broschüre beisteuern? - Es braucht auch gar kein langer Text werden!“ Die schnell gegebene Zusage zog ein längeres Nachdenken nach sich, denn ich habe zwar mit einigen zumeist schon spielstarken Mädchen als Trainer gearbeitet und verfolge aktuell die ersten hoffnungsvollen Schritte meiner jüngsten Tochter - als speziell im Mädchentraining erfahren möchte ich mich aber dennoch nicht bezeichnen. Ich kann daher nur hoffen, dass die nachfolgenden ganz persönlichen Reflexionen und Eindrücke Bedeutung über den Einzelfall hinaus besitzen und zu eigenen Überlegungen Anstoß geben.

  

Mädchen sind anders als Jungen

Das ist natürlich keine besonders tiefschürfende oder überraschende Erkenntnis, auch die Kinder haben schon früh ein sehr ausgeprägtes Gespür für die Unterschiede der Geschlechter. Als meine Tochter in der 1. Klasse war, hospitierte ich während einer Schulstunde. Die Kinder sollten bei einer Aufgabe selbst das Kind aufrufen, das die nächste Antwort geben sollte. Überrascht bemerkte ich, dass kein Mädchen einen Jungen aufrief und kein Junge ein Mädchen!

 

Die größte Leidenschaft meiner Tochter ist nicht Schach, sondern Fußball. Bei der Suche nach einem Verein riet mir der Trainer einer Frauenmannschaft (die immerhin in der Bundesliga spielt) davon ab, die damals 8jährige in einer reinen Mädchenmannschaft anzumelden. „Wenn die Mädchen gut werden sollen, dann müssen sie so lange wie möglich mit den Jungen zusammen spielen. Da werden sie in Punkto sportlicher Ehrgeiz und Zweikampfverhalten ganz anders gefordert, als wenn sie nur unter sich spielen!“ Meine Beobachtung ist, dass es diese Unterschiede auch im Schach gibt.

 

„Mit Mädchen trainieren hat gar keinen Zweck. Die hören später ja doch alle auf!“ Zumindest der empirische Befund stimmt offensichtlich: Bei den Mädchen kehrt ein viel höherer Anteil dem Schach früher oder später den Rücken. Für das Schach ist dies sicher ein Verlust - ob dies auch für die betroffenen Mädchen immer so gilt, möchte ich bezweifeln. Oft dürfte nicht nur der „erste Freund“ hinter dieser Abkehr vom Schach stecken, sondern ein ganz vernünftiges Abwägen, was mit Schach erreichbar ist und was eben nicht - und dann werden die Prioritäten klar zugunsten der Ausbildung und beruflichen Kariere gesetzt.

 

Hier ein weiterer interessanter Fakt, der den „Ausstieg der Mädchen“ in einen noch anderen Zusammenhang stellen könnte: Bei einer Informationsveranstaltung für Eltern besonders begabter Kinder berichtete der Referent, dass die Mädchen auch aus den Studien über Hochbegabte mit steigendem Alter herausfallen. Sein Erklärungsversuch, der uns anwesenden Eltern unmittelbar einleuchtend erschien: Mädchen sind viel stärker als Jungen daran interessiert, sich sozial anzupassen und aus der Gruppe der Gleichaltrigen weder positiv noch negativ herauszustechen.

 

Der Hauptgrund dafür, dass verhältnismäßig wenig Mädchen (organisiert) Schach spielen und es mit höherem Alter immer weniger werden, dürfte insofern ganz trivial sein: Die Schachwelt ist männlich geprägt, in den allermeisten Schachvereinen stellen Mädchen eine (verschwindend geringe) Minderheit, die allen Anstrengungen der Beteiligten zum Trotz einen gewissen Exotenstatus besitzen. An diesem Zahlenverhältnis etwas zu ändern dürfte daher ein Prozess sein, der sich noch sehr lange hinziehen wird.

 

Das Schachspiel ist für Alle gleich

Jungen und Mädchen mögen so verschieden sein wie die Bedeutung, die sie dem Schachspiel beimessen - das Schachspiel selbst ist für alle gleich. Daher stellen sich dem Schachtrainer bei der Arbeit mit Mädchen im Prinzip die gleichen Fragen wie beim Training von Jungen:

 

Das Schachspiel ist sehr kompliziert; bevor sich Erfolge einstellen, müssen Lernende erst einmal ein längere Durststrecke überwinden, in der es deutlich mehr Niederlagen als Siege gibt. Mit dem Satz „Das erste Jahr im Schachverein ist dazu da, dass Du das Verlieren lernst!“ versuche ich Neuankömmlinge auf diese Erfahrung einzustimmen - meist dauert es dann doch kein ganzes Jahr, bis sie Fortschritte machen, und oft genug halten sie mir triumphierend meinen Irrtum vor.

 

Niederlagen tun beim Schach besonders weh: Die Fußballmannschaft, in der meine Tochter seit nun einem guten Jahr mitspielt, ist nicht besonders erfolgreich. Oft hagelt es hohe Niederlagen, die manchmal gar zweistellig ausfallen. Trotzdem spielen die Kinder weiter mit großem Spaß und nehmen die anhaltenden Misserfolge nicht tragisch. Schließlich haben sie alle gemeinsam verloren, der individuelle Anteil daran ist gar nicht feststellbar. Anders beim Schach, das viel stärker mit meiner Persönlichkeit verbunden ist und bei dem nur ich allein für das Ergebnis verantwortlich bin. Die Niederlage ersparen kann ich dem Kind nicht - bei der anschließenden Unterstützung dagegen wartet eine wirklich wichtige Aufgabe auf mich.

 

Ich bin immer wieder fasziniert davon, dass jedes Kind schon sehr früh - sobald es die Schachregeln so weit kennt, dass es eine Partie spielen kann - einen eigenen Zugang zum Schach entwickelt. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Spielertypen: Der eher ängstliche Typ strebt eine „sichere Stellung“ an und wartet darauf, dass der Gegner einen Fehler begeht. Im Erfolgsfall gewinnt er durch ein Übergewicht an Material. Für den „Draufgänger“ dagegen zählt nur der Angriff und die Jagd auf den König. Es mag sein, dass bei den Mädchen der „Materialtyp“ häufiger anzutreffen ist - wie ich mit diesen Vorlieben umgehe, ist vom Geschlecht völlig unabhängig. Hier spielt eher die Ausrichtung des Trainers eine große Rolle, wobei ich aus meiner Auffassung keinen Hehl mache, dass die Kinder vom Anfang an zu einer aktiven Spielweise angehalten werden sollten - je länger sie mit der „Eichhörnchenmethode“ Erfolg haben, um so schwieriger fällt später die notwendige Umstellung. Schließlich erreicht auch der ungestüme Angreifer durch die Praxis automatisch eine bessere Technik, auch wenn er zunächst in den Verwicklungen, die er angezettelt hat, meist selbst untergeht.

 

An den Rahmenbedingungen im Verein und darüber hinaus kann ich wenig ändern. Natürlich wäre es toll, wenn meine Schachgruppe mehr Mädchen hätte, aber ich kann sie mir schließlich nicht backen! Richtig ist sicher auch, dass es gut wäre, wenn mehr weibliche Spielerinnen und Trainerinnen da wären, an denen die Kinder sich orientieren können - aber ich werde deshalb ja kaum eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen... Im Ernst: Wie immer im Schach (und im Leben) geht es darum, aus den vorhandenen Rahmenbedingungen das Beste zu machen. Aktuell gibt es seit einiger Zeit die Diskussion, dass in Kindergarten und Grundschule männliche Bezugspersonen (sprich: Erzieher und Lehrer) fehlen. Im Schach haben wir wenigstens hiermit gar keine Probleme - wichtig ist, dass unsere Trainer auch tatsächlich als positive Rollenvorbilder taugen.

 

Warum Schach?

Die zentrale Frage für das Training mit Kindern ist die nach der Motivation. Warum spielen Kinder Schach, warum bleiben sie dabei? Weil es im Verein eine gut funktionierende Gruppe gibt, deren Freizeitangebot attraktiver als andere Angebote am Ort ist? Weil SchachspielerINnen in den Augen der Mitmenschen oft ein (unverdient!?) hohes Ansehen genießen? Weil sie den Erfolg lieben? All das sind sicher wichtige Gründe, aber auf Dauer bleibt dem Schachspiel nur derjenige (und diejenige!) erhalten, der (die) eine echte, dauerhafte Beziehung zu diesem Spiel entwickelt. Daher ist es bestimmt richtig und wichtig, den Kindern Erfolgserlebnisse zu organisieren, Turniere kindgerecht durchzuführen und insgesamt für gute Rahmenbedingungen zu sorgen. Bei Mädchen: Ihnen Spiel- und Trainingsmöglichkeiten mit Jungen und mit Mädchen zu organisieren. Bei den Ehrgeizigen: Sie ausreichend zu fordern und ihnen die Misserfolge und Widrigkeiten nicht zu ersparen, an denen allein sie wachsen und sich entwickeln können. Aber all das sind Äußerlichkeiten, darüber hinaus muss ich vor allem die Freude am Schach weitergeben.

 

An diesem Punkt trifft sich die Frage nach der Motivation des Kindes für das Schach mit der nach meiner Motivation als Trainer: Warum lehre ich Schach? Wegen des Erfolges? Um meinem Verein (und der gesamten Schachorganisation) den nötigen Nachwuchs zuzuführen? Weil ich mich habe breitschlagen lassen und kein anderer für diese Aufgabe zu gewinnen war? Für mich persönlich trifft jeder dieser genannten Gründe mehr oder weniger stark zu, doch darüber hinaus gibt es noch ein weiteres ganz zentrales Element: Ich möchte meine eigene Begeisterung für das Schachspiel mit den Kindern teilen, ihre Fortschritte auf dem Schachbrett, aber auch in ihrer persönlichen Entwicklung begleiten. Wenn sie später dem Schach als Aktive erhalten bleiben, ist das natürlich toll, aber wenn ich sie nur ein Stück begleiten und ihnen in dieser Zeit neben dem Spaß am Schachspiel nützliche Fähigkeiten und Werte vermittle, ist das auch schon eine gute Sache. So betrachtet, stellt sich die Frage nach heutigem Aufwand und späterem Ertrag nicht - im gemeinsamen Erleben mit den Kindern bekomme ich meinen Einsatz sofort mit Zins und Zinseszins zurück. Und werde trotzdem viele Jungen und Mädchen für das Schach gewinnen.