zum Geburtstag des Deutschen Schachbundes
Das Jahr 2002 war beim Deutschen Schachbund schon lange dick und rot im Kalender angestrichen. 125 Jahre wird der DSB alt und zählt damit zu einem der ältesten Sportverbände Deutschlands. Klar, dass das gefeiert werden muss! Also gab es in der Woche vom 6. bis zum 12. Mai in Leipzig, der Gründerstadt des DSB, zahlreiche Veranstaltungen, um dieses Ereignis zu feiern.
Neben dem mit zehn Nationalmannschaften besetzten Mitropa-Cup wurde zeitgleich auch das Finale der ersten Deutschen Amateurmeisterschaft im Ramada-Treff Hotel durchgeführt. Leider wurden die Siegehrungen beider Turniere ihrem Anspruch nicht gerecht. Im Rahmen eines Galaabends am Samstag sollte die feierliche Ehrung der Mitropa-Sieger (Slowenien vor Deutschland) und der ersten deutschen Amateurmeister durchgeführt werden. Die chaotische Organisation gipfelte letztlich im lieblosen Ablesen der Turnierergebnisse vom Blatt. Schade, wenn der sehr gute Eindruck, den die Amateurmeisterschaft aufgebaut hatte, so schnell und unnötig wieder untergraben wird.
Am Samstag Vormittag fand zunächst im Neuen Rathaus in Leipzig der feierliche Festakt zum 125jährigen Jubiläum des Deutschen Schachbundes statt. Für gewöhnlich sind diese Veranstaltungen eher als trocken und "langweilig" zu bezeichnen. Ganz von der Hand zu weisen war dies auch beim DSB-Jubiläum nicht. Dennoch gab es einige außergewöhnliche Ereignisse, die letztlich den Charakter des Festaktes mehr prägten als die üblichen Festreden.
Auch die Deutsche Schachjugend hatte an diesen Besonderheiten einigen Anteil. Als jüngste Generation im DSB und somit dessen Zukunft, kam es ihr zu, ein Bild zu entwickeln, wie der Schachbund in den kommenden Jahren aussieht; besser: aussehen sollte. Denn die Ideen, welche Entwicklungen ein moderner und zeitgemäßer Verband verfolgt, wichen doch teilweise sehr vom derzeitigen Zustand ab.
In Form eines kleinen Theaterstückes mit Chessy, dem DSJ-Maskottchen, als Ideengeber, präsentierte die Schachjugend ihre Vorstellungen dem Publikum. *) Der konstruktiv-kritische Ton dieser Darstellung, in der auch ungeschminkt die Schwächen der derzeitigen Organisation aufgezeigt wurden, traf bei (fast) allen Zuschauern auf eine sehr gute Resonanz. Zwar gab es wie eh und je Stimmen, die sagten, eine solch kritische Betrachtung habe auf einem Festakt nichts zu suchen. Doch von umso mehr Seiten wurde die Schachjugend ermutigt, ihre Ideen weiterhin aktiv zu vertreten und sich weiter innovativ in den Schachbund einzubringen. Immerhin fand auch die Deutsche Presse Agentur (dpa) das Theaterstück erwähnenswert und veröffentlichte unter dem Titel "125 Jahre Deutscher Schachbund - Jugend fordert Modernisierung" eine Meldung. (*) Siehe auch Forum 4/2002)
Ebenfalls zum Erfolg des Festaktes trug der Kabarettist Matthias Deutschmann bei, der am Ende der Veranstaltung viele Lacher für seinen Vortrag erntete, dabei aber ebenfalls einen kritischen Blick auf die Organisation warf.
Dazwischen sorgten das Jugendstreichorchester Leipzig und der hervorragende Moderator Ernst Bedau für Kurzweil. Immerhin konnte man während der zweieinhalbstündigen Veranstaltung mit zahlreichen Festrednern aus Politik und Sport endlich die Geschichte mit den sich verdoppelten Reiskörnern auf jedem Schachfeld hören... das wurde mal wieder Zeit! Und der sonst so begeisterte Schachspieler Otto Schily hätte durchaus auch ein wenig mehr seiner Begeisterung einbringen können. Aber es gab auch bei den Festrednern den ein oder anderen Lichtblick, so dass sich schließlich selbst ungeduldige Gäste positiv zu dieser Veranstaltung äußerten.
Anders am vorangegangenen Donnerstag! Dass der Leidensdruck beim DSB offensichtlich noch nicht groß genug ist, um ein tiefgreifendes Umdenken herbeizuführen, zeigte sich bereits zwei Tage vorher. Auf dem Bundeskongress, der alljährlichen "Hauptversammlung" des DSB-Präsidiums mit den 17 Landesverbänden, traten die negativen Seiten der Verbandsarbeit zu Tage. Unsachliche und ausschweifende Diskussionen bestimmten das Bild. Ein bezeichnendes Moment bildete der Antrag auf "geheime Einzelentlastung" des Präsidiums. Nachdem zunächst umständlich geklärt werden musste, ob die geheime Entlastung überhaupt in den Satzungen vorgesehen ist, nahm das Drama seinen Lauf. Zwar wurden alle Präsidiumsmitglieder entlastet. Die Einzelergebnisse ließen für den außenstehenden Betrachter leider keinen anderen Schluss zu, als dass persönliche Sympathien im Schachbund allemal mehr wert sind als die fachliche Leistung. Und wer auch mal unangenehme Wahrheiten anspricht und durch Innovation auffällt, bekommt spätestens bei der nächsten geheimen Einzelentlastung seine Quittung verpasst.
Wenn man sich mal zwei, drei Jahre zurückerinnert, wird man sich daran erinnern, dass in der Schachjugend noch weit schlimmere Zustände herrschten. Durch konsequente Arbeit und "frischen Wind" gelang es damals allerdings, diese desaströse Situation zu beseitigen. Das Ergebnis: die Arbeitsatmosphäre innerhalb der DSJ und mit den Landesschachjugenden war selten so konstruktiv, professionell und innovativ wie heute. Wenn die DSJ nun also die Situation im DSB kritisiert, dann aus der Überzeugung heraus, dass mit konsequentem Willen und dem Mut zur Veränderung auch beim DSB verkrustete Strukturen aufgebrochen werden können. Dass die "Vereinsmeier" im DSB und den Landesverbänden zwar mehr und lauter reden, letztlich aber nur eine Minderheit bilden, zeigte sich jedenfalls deutlich. So darf weiterhin gehofft werden, dass die innovativen Kräfte im DSB sich letztlich doch durchsetzen.
Einen Höhepunkt aus Sicht der DSJ hatte dieser Kongress letztlich doch noch. Unter dem Punkt "Berichte des Präsidiums" hatte auch die DSJ die Gelegenheit, ihre Arbeit vorzustellen. Thema der mehrminütigen Powerpoint-Präsentation waren die zentralen Deutschen Jugendeinzelmeisterschaften der vergangenen Jahre, die einen Höhepunkt in jedem DSJ-Jahr bilden. Auch dieser Auftritt stieß auf sehr positive Resonanz und einige Landespräsidenten kündigten ihren Besuch auf der diesjährigen Meisterschaft in Winterberg an.
Für die DSJ war die aktive Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 125jährigen Jubiläum sicherlich ein Erfolg. Um eine konstruktive Arbeitsatmosphäre zwischen DSB und DSJ weiter zu fördern und um Missverständnisse wie die des letzten Jahres zu verhindern, wird die Schachjugend in Zukunft verstärkt den DSB über ihre Arbeit informieren und dort auch für ihre Ideen werben.
(Michael Klein, DSJ)
Umfangreiche Informationen zum Jubiläum findet man auf den Seiten der DSJ im Internet: www. deutsche-schachjugend.de
Dort kann man den Text unseres Theaterstückes nachlesen, eine Videoaufzeichnung vom Festakt abspielen, viele Fotos anschauen und - ach einfach mal reinschauen!