Sommerlager der Deutschen Schachjugend
Im DSJ-Kalender taucht immer wieder ein Sommerlager als Ferienmaßnahme der DSJ auf. In den Schachmedien wird darüber berichtet, weshalb an dieser Stelle nicht mehr besonders hervorgehoben werden muss, dass jeweils ca. 50 Kinder eine Woche lang Schach gepaart mit viel Spaß und sehr viel Sonne genießen wollen und mit dem Sommerlager können. Da alleine aber die Feststellung, dass Kinder Spaß und Gefallen haben an Ferienmaßnahmen, den Skeptikern und Kritikern als Begründung nicht ausreicht, sollen im Folgenden einige Überlegungen vermiitelt werden, warum es auch für eine Schachorganisation eine „zwingende“ Aufgabe ist, in ihr Programm Ferienfreizeiten etc aufzunehmen.
In dem Berichtsheft zur Jugendversammlung der Deutschen Schachjugend 2005 hat der stellvertretende Vorsitzende Jan Pohl dazu einige sehr interessante Ausführungen gemacht:
„Man mag sich wundern, warum eine Sportorganisation ihr Geld in eine Veranstaltung steckt, von der sie als Sportorganisation nichts hat. Die Teilnehmer des Sommerlagers spielen zwar Schach, aber sie werden nach dem Sommerlager noch auf dem gleichen Niveau spielen, mit dem sie auch angereist sind. Sie werden mit Sicherheit täglich zum Schachbrett greifen, sie werden das aber nur tun, wenn sie selbst dazu Lust haben und nicht, weil der Trainer ruft.
Nun muss man sich aber vor Augen führen, dass die Aufgaben einer Sportorganisation wesentlich weiter gefasst sind, als ihre Mitglieder lediglich zu einer effektiveren Art und Weise zu führen, ihren Sport auszuüben. Die Deutsche Schachjugend hat als Sportorganisation die Aufgabe, für die Verbreitung ihres Sports zu sorgen und sie hat, was in diesem Fall von viel größerer Bedeutung ist, weil die Teilnehmer des Sommerlagers ja bereits Schachspieler sind, für den Erhalt der Sportart zu sorgen. Kinder und Jugendliche bleiben einer Sportart erhalten, wenn sie sich in dieser Sportart zu Hause fühlen. Entweder tun sie das, weil sportlicher Ehrgeiz sie darin unterstützt oder sie tun das, weil ihnen das Umfeld gefällt und sie Freunde gefunden haben.
Jeder Verein hat die Aufgabe, beiden Interessenlagen gerecht zu werden. Dem sportliche Ehrgeiz wird in der Regel durch spielbetriebliche Angebot genüge getan, doch wie sieht es mit der geselligen Komponente aus? Wird ein Verein auch die Kinder und Jugendlichen auf Dauer ansprechen können, die Spaß am gemeinsamen Sport haben, für die der Leistungsaspekt aber nicht so im Vordergrund steht? Wenn der Verein in der Breite wirken will, wenn er gewährleisten möchte, dass alle Spieler, die mit dem Schachsport begonnen haben auch lange dem Schachsport erhalten bleiben, wird er nicht umhin kommen für diese Zielgruppe Angebote bereit zu halten.
Jugendreisen und Jugendfreizeiten sind Teil eines solchen Angebots, sie sind „konzentrierte Geselligkeit“. Kinder und Jugendliche, die sich das Jahr über nur einmal die Woche am Spieltag gesehen haben, lernen sich über eine ganze Woche besser kennen und möglicherweise schätzen. Freundschaften werden intensiviert. Der Kontakt zu den Trainern und Betreuern wird intensiviert. An dieser Stelle muss erneut betont werden, dass eine Sportorganisation wie die Deutsche Schachjugend und wie jede Landesschachjugend und jeder Verein auch, gleichzeitig Jugendorganisation ist, die Verantwortung für Erziehung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen als gesellschaftliche Aufgabe übernommen hat und dass Jugendreisen in diesem Zusammenhang für viele Kinder und Jugendliche zum ersten Mal eine Zeit ohne Eltern bedeutet, in der sie Eigeninitiative zeigen müssen und gezwungen sind, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das Vertrauen und die Vertrautheit, die im Laufe der Reise gewonnen wurden, kommen auch nach dieser Zeit dem Verein zugute, weil soziale Kontakte gestärkt wurden, die im Rahmen des Vereinslebens aufrechterhalten werden. Jugendliche, die selbst einmal Teilnehmer solcher Reisen waren, möchten mit fortschreitendem Alter gerne die andere Perspektive kennen lernen und fahren als Betreuer mit.
Warum nun richtet die Deutsche Schachjugend solche Jugendfreizeiten aus, obwohl sie nach der Freizeit nicht von den direkten Nachwirkungen profitieren kann? Auf der einen Seite hat die Deutsche Schachjugend aus oben genannten Gründen ein natürliches Interesse daran, ihren Mitgliedern attraktive Angebote zu machen, um zu zeigen, dass Schach eine lebendige Sportart ist und dass es sich lohnt, sich mit dieser Sportart zu identifizieren. Auf der anderen Seite ist das Sommerlager eine Möglichkeit für Vereine, die aufgrund von Personalmangel oder kleinen Jugendgruppen nicht die Kraft aufbringen, eigene Jugendreisen zu organisieren, trotzdem ein solches Angebot bereithalten zu können, indem sie mit einer Gruppe zum Sommerlager anreisen und sich dort in die große Gruppe integrieren. Dieser Aspekt und Effekt des Sommerlagers muss deutlich betont werden, denn noch immer stellen Einzelgäste den größten Anteil an Sommerlagerteilnehmern.
Das Sommerlager der Deutschen Schachjugend wird es auch noch in den nächsten Jahren geben. Zum einen möchte die DSJ weiterhin Vereingruppen die Möglichkeit geben, ihren Mitgliedern durch die Teilnahme am Sommerlager ein attraktives Programm zu bieten, zum anderen möchte sie aber auch Modellprojekt für Jugendreisen in den Landesschachjugenden sein, denn die DSJ hat ein erklärtes Interesse daran, in vielen Landesschachjugenden jährliche Sommerlager zu initiieren. Zu diesem Zweck will die DSJ in diesem Jahr allen Interessierten konzeptionelle und möglicherweise auch finanzielle Hilfe zukommen zu lassen.
Das nächste Sommerlager der DSJ findet vom 30. Juli bis zum 6. August 2005 in der Jugendherberge Eschwege statt.“
Jan Pohl