Über den Ursprung dieser Regelung kann man nur mutmaßen: Vergegenwärtigt man sich jedoch, dass Schachuhren erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts üblich sind, liegt der Gedanke nicht fern, dass die Karenzzeit ein Zugeständnis an die Spieler darstellte, um sie mit der ungewohnten Zeitbeschränkung zu versöhnen. Nun, dass Schachpartien zeitlich begrenzt sind, ist mittlerweile wohl allseits akzeptiert. Manche Spieler verteidigen die Karenzregelung heute stattdessen damit, dass ein für 10 Uhr angesetzter Wettkampf ja auch um 10 Uhr beginne, nur eben zunächst mit einem Spieler. Außerdem bestrafe sich der Verspätete ja selbst damit, dass seine Uhr ablaufe. Aber was ist das für ein Verständnis von Sport und Wettkampf? Zu einer Schachpartie gehören zwei Spieler, erst dann kann sie beginnen. Ist es nicht eher respektlos, gar unfair, seinen Gegner warten zu lassen zugunsten einer halben Stunde mehr Schlaf, einer zweiten Tasse Kaffee oder eines Plausches mit dem Vereinskameraden? Ganz zu schweigen von jenen, die eine leichte Verspätung als psychologisches Druckmittel einsetzen, um den Gegner zu verunsichern. Gewiss, das mögen nur einige sein, und die meisten Spieler achten auf ihr pünktliches Erscheinen. Aber uns sind auch Fälle bekannt, in denen Trainer ihre Schützlinge das taktische Mittel der Verspätung gar bewusst lehren. Ist es da richtig, den Pünktlichen warten zu lassen, anstatt den Verspäteten zu besserer Zeiteinteilung zu bewegen?
So hat die Einführung der Nullkarenz Ende 2009 auch nicht den Hintergrund, dass die DSJ die Medienwirksamkeit des Schachsports erhöhen will, weil sich leere Bretter im Fernsehen so schlecht machen. Das ist allenfalls ein Nebeneffekt. Es geht vielmehr schlicht darum, eine Selbstverständlichkeit des Fairplays umzusetzen. Deshalb ist es auch mitnichten so, dass diese Regelung im Jugend- oder Amateurbereich keinen Platz hätte. Fairplay beginnt bei der Kreismeisterschaft!
Eine großzügige Karenzregelung hat dort ihre Berechtigung, wo Unwägbarkeiten die Anreise bestimmen – etwa im Ligenbetrieb mit längeren Anfahrtswegen. Das hat die DSJ nie in Abrede gestellt. Aber warum wir auf Deutschen Meisterschaften, deren Unterkunft und Spielsaal im gleichen Gebäudekomplex beheimatet sind, notorische Langschläfer und -frühstücker dulden sollten, will sich uns nicht erschließen.
Nach den Gesprächen, die wir auf diversen Meisterschaften mit Teilnehmern, Betreuern und Eltern geführt haben, habe wir dann auch den Eindruck gewonnen, dass eigentlich niemand auf die Frage „Hältst Du es für ein Gebot des fairen Wettkampfs, dass die Spieler ihre Partien pünktlich beginnen?“ mit „Nein!“ geantwortet hätte. Mit Sportsgeist ist es nun mal nicht vereinbar, seinen Gegner warten zu lassen.